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Nachgefragt / Autorin Angela Bauer PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Csaba Gal   
Montag, den 15. August 2011 um 09:23 Uhr

 

Nachgefragt (2)

Kaleidoskop -KünstlerInnen 

 im Gespräch. 

ab

 Im August 2011 hat Csaba Gál das folgende Interview

mit der Autorin Angela Bauer geführt:

 

 

Wie kamen Sie als Ärztin auf die Idee zu schreiben?

In meinem Elternhaus wurde gelesen; somit war von Anfang an ein Bezug zur Sprache gegeben. Ich habe auch durchaus einmal an ein Germanistikstudium gedacht, mich dann aber doch für einen praktischen Beruf entschieden; ich wollte halt mitten ins Leben. Natürlich  musste ich mich für einige Jahrzehnte auf Fachliteratur, Reiseliteratur und nur hier und da einmal etwas Belletristisches beschränken. Gegen Ende meiner Berufszeit kam dann aber die alte Liebe wieder zu ihrem Recht: Ich habe an der LMU München „Neuere deutsche Literatur“ und „Philosophie“ studiert und mehrfach in Cambridge die Sommerkurse für Englische Literatur besucht. Dort fand ich mit William Langlands Epos „Piers the Ploughman“ dann auch den Stoff für mein Theaterstück „Der Pflüger“.

Was hat Sie an William Langlands „Piers Ploughman“  gereizt?

Das bunte und umfassende Bild, das Langland vom Leben im 14. Jahrhundert gibt:  Nicht nur, dass er, ein Priester mit niederen Weihen, das noch ungebrochene römisch-katholische Weltbild vermittelt, nein, etwa 150 Jahre vor der Reformation kritisiert er mit anschaulichen Beispielen Führungsstil wie auch Lebenswandel der klerikalen Obrigkeit. Indem er ihr seinen Pflüger gegenüberstellt, einen bescheidenen, umsichtigen, hilfsbereiten und aufopferungsvollen Mann, schafft er einen Maßstab, an dem sich jeder messen lassen muss, der sein Leben als einen Weg zu Christus, das heißt hin auf die Liebe begreift, denn sie ist sowohl Gottes als des Menschen Natur, wie es heißt.

In diese Kulisse hineingewoben ist der Weg von Will, dem Willen, der aufbricht, um sein ureigenes Leben, man könnte auch sagen den Sinn des Lebens oder seine Natur, zu finden. Mit dem Willen fängt nun einmal alles an, aber nachdem er sein halbes Leben mit guten Ansätzen und noch besseren Vorsätzen, mit Rückfällen und Fehlschlägen verbracht hat, meldet sich in der Lebensmitte plötzlich seine Vorstellungskraft, die ihm sagt, wenn du es jetzt nicht schaffst, bist du für die Strapazen einer Kurskorrektur bald zu alt. So fängt er denn auch bei einem typisch mittelalterlichen Gelage ganz unten an der Tafel an – neben Geduld, während sich die prassende Prominenz am hohen Tisch in großspurigen Reden ergeht. In Anwesenheit von Geduld und Gewissen entlarvt Will ihre Scheinheiligkeit und setzt seinen Weg, nun von Geduld und Gewissen begleitet, fort. Er geht ihn, soweit ein Mensch ihn überhaupt gehen kann, aber als er sich einmal zu sicher glaubt und eine Situation falsch einschätzt, stürzt er ab. So endet Langlands Epos wie auch mein Stück mit dem Ruf nach der göttlichen Gnade. –  Der Reiz liegt für mich in der Kombination von Individuum und volkreicher Kulisse, sodass hier die Renaissance bereits zu erahnen ist, und es sind die allegorischen Figuren wie Gedanke, Einsicht, Geduld, Gewissen, die mich nach wie vor fesseln.

Sie haben einige Ihrer Texte auch im Almanach deutschsprachiger Schriftsteller-Ärzte veröffentlicht. Wie kam es dazu?

Eigentlich fing es damit an: Ich hatte auf die jährliche Ankündigung im Deutschen Ärzteblatt eine – wie ich rückblickend finde – ziemlich magere Geschichte eingereicht, die überraschenderweise von dem damaligen Herausgeber, Dr. Jürgen Schwalm, angenommen wurde. Wahrscheinlich ist es somit ihm zu verdanken, dass ich mit der Schreiberei überhaupt weitergemacht habe. Auch mit seinem Nachfolger, Dr. Stefan Toboldt, gab es über viele Jahre hinweg eine sehr gute Zusammenarbeit.

Der Almanach besteht seit gut dreißig Jahren – ein schönes Forum, wie ich finde, das sich Menschen des ärztlichen Berufsstandes mit diesem Jahrbuch geschaffen haben, und auch ein ganz wesentliches Ventil. Ich habe auch jetzt wieder eine Erzählung für den Almanach in Vorbereitung und hoffe, dass er uns noch lange erhalten bleibt.

Sie sind Berlinerin. Was hat Sie nach Bayern verschlagen?

(Bauer lacht.) Ich bin meinem Mann gefolgt, so einfach war das. Mehr als die Hälfte meines Lebens lebe ich nun schon in Bayern –  zuerst in München, dann zogen wir etwas hinaus, denn besonders für mich als Großstadtkind war es immer ein Traum, eines Tages einen großen Garten zu haben.

Sie wurden nach dem Krieg geboren. Warum beschäftigen Sie sich dann noch so viel mit der nationalsozialistischen Zeit?

abbuch

Eigentlich habe ich das bisher nur in meinem letzten Buch, der Erzählung „Herrmann oder Ferdinand“, getan. Nein, es ist der Nationalismus, der mich interessiert – weltweit; ich bin in meinem Essay „Vom Stolz“ ja auch auf den US-amerikanischen Nationalismus eingegangen, den ich dort in den Jahren zwischen Bill Clintons Meineid und der Iraklüge von George W. Bush hautnah erlebt habe. Es sind die nationalistischen Tendenzen, die ich erkennen möchte, wobei uns ja das gedankliche Schema, das ihnen zu Grunde liegt, nicht nur auf staatlichen Bühnen entgegen tritt: Das lässt sich in allen Gemeinschaften, Institutionen, Vereinen etc. finden, die die Welt in „wir“ und „die anderen“, the rest, wie es in der anglo-amerikanischen Welt so schön heißt, einteilen. „Wir“ – das sind die „Gerechten“ („We are doing the right thing“), die ihre Interessen als legitimiert ansehen, so dass zu ihrer Durchsetzung jedes Mittel, wie sie überzeugt sind, erlaubt ist. „Die anderen“ – das sind diejenigen, die man mit so vielen unterschiedlichen Namen verteufelt, dass es nicht lohnt, sie aufzuzählen. Auf jeden Fall sind es die, die es in den Augen der „Guten“ zu fürchten, abzulehnen, zu hassen, zu verfolgen und auszurotten gilt; womit wir wieder beim deutschen Nationalsozialismus angekommen sind. Im Grund handelt es sich immer um Größenwahn; und dass der zu nichts anderem als Zerstörung führt, ist schon seit dem Turmbau zu Babel bekannt.

Nein, ich habe keinen Narren am deutschen Nationalsozialismus gefressen, aber seine Trümmer gehören zu meinem Erbe.

Sind sie gern Deutsche?

Ich bin’s. Wäre ich in den Anden oder am Kongo geboren, wäre ich es nicht; es ist also kein Grund, stolz darauf zu sein, und erst recht keiner, Ansprüche oder Privilegien aus einer solchen Zufälligkeit abzuleiten. Meinen Geburtsort sehe ich als Teil meines ganz persönlichen Zugangs zur Weltgeschichte und zur Entwicklungsgeschichte des Menschen an.  Insofern wäre es töricht, auf diejenigen in meiner Gesellschaft zu hören, die mir sagen, nach sechzig Jahren müsse man doch mal aufhören, über die nationalsozialistische Zeit zu reden. Ich würde mich ja um eine wesentliche Chance bringen, an Identität zu gewinnen. – Ja, ich bin deutsch, und ich bin’s auch gern.

Woran arbeiten Sie zur Zeit?

An unterschiedlichen Themen. Ich hoffe, dass sie einmal ein buntes Erzählbuch ergeben.

Was bedeutet Ihnen das Schreiben?

Eine gute Möglichkeit, mir zu einer bestimmten Frage verschiedene Fakten und Perspektiven vor Augen zu führen. Es bringt für eine gewisse Zeit Ruhe und Konzentration in den Alltag und – falls man Menschen findet, die interessiert sind, die Texte zu lesen oder mal anzuhören – vielleicht auch eine Gesprächsmöglichkeit.

Welches Buch würden Sie auf eine unbewohnte Insel mitnehmen?

Søren Kierkegaards „Gesammelte Werke“, falls es sie in einem einzigen Buch überhaupt gibt. – Wenn ich dort allerdings bis an mein Lebensende bleiben müsste, wäre ich wohl eher an einem umfangreichen Rückblick auf meinen Kulturkreis interessiert – Geschichte, Lösung von Alltagsproblemen, Versäumnisse, Irrtümer, Fehlentwicklungen, Anfang und Ende menschlicher Existenz und natürlich der Gottesbezug; dann würde ich sicher die Bibel mitnehmen. Aber ehrlich gesagt, ich würde auf einer einsamen Insel bestimmt nicht sehr lange leben. Meinen Taufspruch mitzunehmen, wäre also schon mehr als genug.

Herzlichen Dank für das Gespräch .

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Zuletzt aktualisiert am Montag, den 09. Januar 2012 um 13:31 Uhr